Linking and Leaping: A Haiga Primer

First written and posted, in a slightly different form, to the NaHaiWriMo page on Facebook, 4 April 2012, but otherwise not previously published. Also included below is a German translation by Claudia Brefeld, which appeared in April of 2019 as “Verlinkung und Sprung: eine Haiga-Einführung” on her website, “Haiga im Focus / Haiga in Focus.” For more information on haiga, together with numerous examples featuring my poems, please visit the Haiga page.

 

Scented Breeze Haiga
 

The preceding haiga features a poem of mine, translated into Japanese, from HaigaOnline 12:1, June 2011 (an online journal edited by Linda Papanicolaou). The painting is by Mary B. Rodning, and the translation is by Hiromi Inoue. My poem in English is as follows:

                scented breeze . . .
                our conversation takes
                an unexpected turn

 

Take a moment to think about how the poem and the image relate to each other, and how one also leaps away from the other. These relationships are central to the haiga art. Elsewhere I have offered basic definitions of haiku and related genres of poetry. One of these definitions is the following one for haiga, which I hope also applies to photo-haiga.

 

HAIGA is the art of combining brush painting, haiku, and calligraphy. A traditional haiga requires all three of these elements. Just as haiku succeeds by creating space and energy in the relationship of its two juxtaposed parts, haiga energizes viewers through the “leap” or even disjunction between the poem and the painting (the painting is typically not an illustration of the poem). Haiga also employs calligraphy to create a pleasing visual whole, whether the calligraphy is highly refined and formal or ordinary and home-spun. Modern haiga sometimes replaces one of the three requirements, such as by using a photograph instead of a painting (also known as photo-haiga, or shahai in Japanese), or by typesetting words on a computer instead of using calligraphy. Some purists do not consider these variations to be authentic haiga, but they are increasingly popular as computer technology evolves. While traditional haiga will continue to require brush painting, haiku, and calligraphy, artists and poets have explored many additional combinations with pleasing re­sults, such as using collage and other mixed-media presentations.

 

One key aspect of haiga is that the image is usually not an illustration of the poem, nor is the poem a caption for the image. There should be an artistic interplay between them, some sort of unexplained but intuitive leap. A number of the photo-haiga posted on Facebook and elsewhere online lack this important trait. If the image shows clouds in a sky, then don’t say “cloudy sky” in the poem. The context of the image already shows us that, therefore to say so causes you to miss an opportunity to say something else, offering a tangential hint that creates something larger than the sum of the haiga’s parts. The poem might name or mention some aspect of the image, but most of the poem, in general, should not do so. The haiga I’ve shared here is hopefully an example, where the poem and the image are at right-angles to each other, employing a “linking” technique also used in writing renku verses. Indeed, the poem should shift away, at the same time linking to and leaping away from the image it is paired with. The real poetry in haiga lies in the relationship between the image and the poem.

Verlinkung und Sprung: eine Haiga-Einführung

      Übersetzung ins Deutsche von Claudia Brefeld

Zuerst in etwas anderer Form auf der NaHaiWriMo-Seite auf Facebook (4. April 2012) verfasst und gepostet, ansonsten noch auf der Website Graceguts in Linking and Leaping: A Haiga Primer veröffentlicht.

Dieses Haiga enthält ein Gedicht von mir, übersetzt ins Japanische, aus: HaigaOnline 12: 1, Juni 2011 (ein von Linda Papanicolaou herausgegebenes Online-Journal). Das Gemälde ist von Mary B. Rodning, die Übersetzung stammt von Hiromi Inoue. Mein Gedicht im Englischen lautet wie folgt:

                scented breeze . . .
                our conversation takes
                an unexpected turn

                duftende Brise. . .
                unser Gespräch nimmt
                eine unerwartete Wendung

Nehmen Sie sich einen Moment Zeit, um darüber nachzudenken, wie das Gedicht und das Bild zueinander in Beziehung stehen und wie das eine vom anderen fortspringt. Diese Beziehungen sind für die Haiga-Kunst von zentraler Bedeutung. An anderer Stelle habe ich grundlegende Definitionen für Haiku und verwandte Genres der Poesie angeboten. Eine dieser Definitionen ist die folgende für Haiga, von der ich hoffe, dass sie auch für Foto-Haiga gilt:

HAIGA ist die Kunst, Tuschmalerei, Haiku und Kalligraphie zu kombinieren. Das traditionelle Haiga benötigt alle drei Elemente. So wie es dem Haiku gelingt, in der Beziehung seiner zwei nebeneinandergestellten Teile Raum und Energie zu erzeugen, so fesselt das Haiga den Betrachter durch den „Sprung“ oder der Disjunktion zwischen Gedicht und Gemälde (das Gemälde ist typischerweise keine Illustration des Gedichtes). Das Haiga verwendet zudem die Kalligraphie, um ein ansprechendes visuelles Ganzes zu kreieren, ob nun die Kalligraphie sehr verfeinert und formell oder einfach und selbstentworfen ist. Das moderne Haiga ersetzt manchmal eine der drei Voraussetzungen, so wird z. B. ein Foto anstelle eines Gemäldes verwendet (in Japan auch als photo-haiga oder shahai bekannt) oder die Wörter werden mit Hilfe des Computers anstelle der Kalligraphie eingefügt. Einige Puristen betrachten diese Variationen nicht als authentische Haiga, sie werden jedoch mit der Entwicklung der Computertechnologie immer beliebter. Während das traditionelle Haiga weiterhin Tuschmalerei, Haiku und Kalligrafie erfordern wird, haben Künstler und Dichter viele zusätzliche Kombinationen mit ansprechenden Ergebnissen ausgelotet, wie z. B. die Verwendung von Collagen und anderen Mixed-Media-Gestaltungen.


Ein Schlüsselaspekt des Haiga ist, dass das Bild üblicherweise keine Illustration des Gedichtes und das Gedicht auch keine Bildunterschrift ist. Es sollte ein künstlerisches Wechselspiel zwischen ihnen geben, eine Art unerklärter, aber intuitiver Sprung. Dieses wichtige Merkmal fehlt einer Anzahl der auf Facebook und anderswo im Internet geposteten Foto-Haiga. Wenn das Bild Wolken am Himmel zeigt, schreiben Sie also nicht „bewölkter Himmel“ im Gedicht, denn der Kontext des Bildes zeigt es uns bereits. Wenn Sie dies aber schreiben, bewirkt es nur, dass Sie eine Gelegenheit verpassen, um etwas anderes zu sagen. Etwas, das einen tangentialen Hinweis anbietet und so etwas Größeres als die Summe der Teile der Haiga kreiert. Das Gedicht kann einen Aspekt des Bildes benennen oder erwähnen, aber die meisten Gedichte machen dies im Allgemeinen nicht. Das Haiga, das ich hier vorgestellt habe, ist sicher ein Beispiel, bei dem das Gedicht und das Bild im rechten Winkel zueinander stehen und eine „Verknüpfungstechnik" verwenden, wie sie auch beim Schreiben von renku-Versen angewendet wird. In der Tat sollte sich das Gedicht vom Bild, mit dem es kombiniert ist, wegbewegen, sich also damit verbinden und gleichzeitig von ihm wegspringen. Die wahre Poesie im Haiga liegt in der Beziehungzwischen dem Bild und dem Gedicht.